„Marbach ist die Verbindung meiner beiden Welten“

Marbacher Zeitung 04.12.2018

Das Nordlicht Annette Fiss fühlt sich im Ländle wohl.

Annette Fiss arbeitet seit März bei den Weingärtnern
Marbach. Sie ist studierte Literaturwissenschaftlerin.


Als kritisch, freiheitsliebend und etwas ungestüm beschreibt sich Annette Fiss im Rückblick auf ihre Jugendjahre. In der Tat ist ihr bisheriger Lebensweg alles andere als langweilig. Nach der Realschule macht die gebürtige Elmshornerin an einer kirchlichen Privatschule eine Ausbildung zur Erzieherin. Danach kehrt sie auf die Schulbank zurück und schließt das Abitur als Jahrgangsbeste ab. „Jeder erwartete von mir aufgrund des Numerus Clausus, dass ich entweder Medizin oder Jura studiere“, erinnert sich die heute 48-Jährige, aber sie hat ihren eigenen Kopf und beginnt in Kiel mit dem Studium der Fächer Philosophie, Kunstgeschichte sowie Ur- und Frühgeschichte. Am Ende bleibt sie der Kunstgeschichte treu und ergänzt diese um neuere und ältere Literaturwissenschaft.
Mit dem Magister Artium in der Tasche steht Fiss vor der Entscheidung, an der Uni zu bleiben, oder aber anderswo Geld zu verdienen. In einer Versicherungsagentur kümmert sie sich um den Bereich Marketing. „An einer Uni bewegt man sich sehr viel in seinen eigenen Gedanken, aber ich wollte raus und Sprache einsetzen“, begründet sie den Schritt in die Wirtschaft. Nach sechs Jahren folgt der nächste berufliche Richtungswechsel. Auf ihren Reisen durch Frankreich, Portugal und Südafrika entdeckt Fiss die Leidenschaft für Wein.

„Ich habe gesehen, wie und wo Wein wächst und habe mit den Menschen gesprochen, die ihn machen. Das hat mich fasziniert und ich habe gemerkt, dass ich, was die Wahrnehmung und Beschreibung von Wein angeht, einen guten Zugang habe.“
Sie beginnt Weinmessen zu besuchen und in das Thema einzutauchen. „Der Gedanke, Winzerin zu werden, reifte immer mehr, aber es offen auszusprechen traute ich mich nicht“, erzählt die 48-Jährige und schmunzelt. Im Mai 2013 macht das Nordlicht ein Praktikum auf einem Weingut in Würzburg und aus dem Gedanken wird schließlich ein Plan.
Bereits im August 2013 beginnt Annette Fiss ihr duales Studium in Neustadt an der Weinsteige. Vorher schreibt sie aber noch ihre Promotionsarbeit zum Thema „Die Übernahme von Niklas Luhmans Systemtheorie in die Literaturwissenschaft“.
Vergangenes Jahr schließt die Winzerin mit dem Bachelor of Science in Weinbauwirtschaft und Oenologie ab. In ihrer Bachelorarbeit beschäftigt sich die 48-Jährige mit pilzwiderstandsfähigen Rebsorten aus marketingstrategischer Sicht. Ein Thema, das sie während des Studiums begleitet. Während eines Aufenthaltes auf den Azoren informiert sie sich über den Anbau von Hybridreben im dortigen feuchten und salzigen Klima. Bei einem Besuch in Namibia sind es Reben, die auf 1200 Meter Höhe angepflanzt werden, die sie interessieren.

Als sie dieses Jahr dann die Stellenausschreibung der Weingärtner Marbach im Internet sieht, zögert die 48-Jährige nicht. „Marbach war mir wegen des Literaturarchivs ein Begriff und die Ausschreibung klang total interessant, weil ganz unterschiedliche Bereiche abgedeckt werden: Marketing, Sortimentsgestaltung, Eventmanagement und Produktentwicklung.“ Die promovierte Literaturwissenschaftlerin bewirbt sich und bekommt einen Anruf aus der Schillerstadt. „Man wollte offenbar wissen, ob ich das wirklich ernst meine.“
Mitte März zieht Annette Fiss von Kiel ins Schwäbische. „Es war gar nicht so einfach, hier eine Wohnung zu finden. Vor allem auf die Distanz. Der Wohnungsmarkt ist unheimlich schnell.“ Also mietet sie sich zuerst einmal in eine Ferienwohnung in Winzerhausen ein und findet von dort aus eine richtige Bleibe in Kleinbottwar. Die hiesige Landschaft empfindet Fiss als „atemberaubend“ – nicht nur, aber vor allem auch der Steillagen wegen. Die liegen ihr am Herzen. „Das ist eine einmalige Kulturlandschaft, die noch stärker vermarktet werden könnte – so wie es etwa an der Mosel gemacht wird, aber da ist man hier in Württemberg zu bescheiden und zurückhaltend.“
Apropos Württemberg. Das Nordlicht ist im Ländle längst angekommen. „Die Norddeutschen und Schwaben sind sich in ihrer Art sehr ähnlich, wie sie auf Menschen zugehen.“ Ihre räumliche Veränderung hat die 48-Jährige bisher noch keinen Tag bereut. Ebenso wie ihre berufliche. „Marbach ist wie die Verbindung meiner beiden Welten“, sagt die Literaturwissenschaftlerin und strahlt. Karin Götz

2018-12-05T15:36:22+00:00