Auf der Suche nach Liebe

Wein Lese Land marbach + bottwartal 2/2018

Blick in die Ausstellung: Barbara Klemm, Fotografie, Paris, 1977, © Barbara Klemm

Vier Fragen zur Ausstellung „Die Erfindung von Paris“ an die Kuratorinnen Susanna Brogi und Ellen Strittmatter.

Inwiefern unterscheidet sich „Paris“ als literarische Erfindung von der poetischen Anverwandlung anderer Metropolen?

Im Unterschied zu Rom, „der ewigen Stadt“, verkörpert Paris für deutschsprachige Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts Modernität. Paris ist eine Stadt nicht nur aus historischen Bauwerken, sondern auch aus Stahl – denkt man an den Eiffelturm, dessen Verstrebungen Germaine Krull mit der modernen Technik der Fotografie festgehalten hat. Paris ist die Metropole der alle Sinne herausfordernden Passagen, Leuchtreklamen und wechselnden Geschwindigkeiten. In ihr entwickelt sich eine neue Wahrnehmung und damit einhergehend völlig neue Formen des Schreibens.

Susanna Brogi

Welche Rolle spielt die im 18. Jahrhundert erschaffene Figur des Flaneurs für das Lesen der Stadt? Ist er der Stammvater Abraham aller City Writer und City Reader?

Der Flaneur ist nicht vorstellbar ohne die gesellschaftspolitischen und ästhetischen Umbrüche dieser Zeit. Städtebaulich sind Walter Benjamin zufolge die in der Nachfolge des legendären Palais Royal entstehenden Passagen maßgeblich mit dafür verantwortlich. Im Nebeneinander ihrer Cafés und Restaurants, Clubs, Spielsäle und Geschäfte unterschiedlichster Couleur bildeten diese architektonisch avancierten Bauwerke im 19. Jahrhundert regelrechte Stadtteile, die dem Spazieren „en plein air“ eine urbane Variante hinzugesellten.

Franz Kafka: Ansichtskarte an Otta, Paris, Motiv: Paris. La Grande Roue, 16.10.1910

Wie dokumentieren Sie in der Ausstellung die einzelnen Gangarten der Schriftsteller in der Stadterkundung?

In einigen Fällen, zu nennen wären Walter Benjamin, Franz Kafka, Siegfried Kracauer oder Undine Gruenter und Peter Handke – haben die Autoren ihre literarische Bewegungsart im städtischen Raum selbst reflektiert: Benjamin spricht von Sich-Verirren als einer Kunst, Kracauer lässt die Kamera »panoramieren«. Ausgehend von den im Archiv verwahrten Textzeugen haben wir Verben der Bewegung und Wahrnehmung gefunden, die das Zusammenspiel von Biografie, Selbstaussagen und Poetik zusammenfassen.

Ellen Strittmatter

Kann Paris heute noch exemplarisch die Erfahrung der Stadt als Lebensraum vermitteln – oder muss man dazu nach Mexico City oder Mumbai reisen?

So seltsam es klingt: Mumbai ist längst Teil von Paris. Dass Paris weiterhin weltweit als Stadt wahrgenommen wird, mit der die Werte ›Liberté, Égalité, Fraternité‹ affirmativ oder in Abgrenzung davon assoziiert werden, zeigen in „Die Erfindung von Paris“ Mirko Krizanovics Fotografien, die nach den Anschlägen auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo 2015 die Kundgebungen in Paris zeigen. Heutige Reisende suchen in Paris anderes – die Liebe, die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts oder auch den Mythos einer von der Literatur erfundenen Stadt.

2018-10-18T10:10:20+00:00